EUROPÄISCHE UNION
Erweitern oder vertiefen oder nix ?

 

Von Fritz Goergen. Unübersehbar und unzählbar sind die wissenschaftlichen und politischen Expertisen und Thesen, wie es mit der EU weitergehen soll. Der deutschen Bundeskanzlerin erteilen viele Experten noch mehr gegensätzliche und widersprüchliche Ratschläge.

Alle paar Tage sagen ihr Kommentatoren munter, was sie als EU-Ratspräsidentin alles bewirken soll. Vor allem, wie der Verfassungsprozess wieder in Gang zu bringen sei. Den Blätter- und TV-Wald müssen wir nicht ernst nehmen. Da schreiben viel zu viele, die sich mit dem Thema nie ernsthaft befasst haben. Übrigens auch nicht konnten. Denn sie müssen täglich über andere Themen schreiben. Haben also nie Zeit, sich mit einem Thema wirklich auseinander zu setzen.

 

An keiner Frage scheiden sich die Geister mehr als an der Türkei. Erst muss sie sich europäische Standards zulegen, sagen die einen. Diese können sich nur in einer Türkei durchsetzen, die Mitglied der EU ist, argumentieren die anderen. Persönlich halte ich das letztere für überzeugender. Aber beide Seiten beantworten die Frage nicht, was die EU eigentlich sein will. Ja, fast allen scheint diese Frage gar nicht in den Sinn zu kommen.

 

Das Argument, es gäbe eben für die Europäische Union kein historisches Vorbild, ist ebenso wahr wie hilflos. Sicher, das Römische und andere Weltreiche eignen sich nicht als Blaupausen. Das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ auch nicht. Obwohl es den Menschen während seiner Dauer über große Strecken besser ging als in anderen Epochen, Architektur, Kunst und Musik kulturell Großes schufen.

 

Die Geschichte lehrt trotz aller fehlenden Vergleiche immerhin, dass es nach großen Veränderungen oft besser war oder gewesen wäre, die Dinge sich setzen zu lassen. Politisch erzwungene Entwicklungssprünge führten mittelfristig regelmäßig zum Rückschlag, zur Rückkehr längst überholt geglaubter Zustände.

 

In den letzten 15 Jahren hat sich mehr verändert als früher in 150. Es brauchte stets Generationen, bis die Menschen einen grundlegenden Wandel verdaut hatten. Das ist die simple Lebenserfahrung. Ihr Wert als Rat schlägt alles Expertentum.

 

Der Eiserne Vorrang ist fort. Die Grenzen sind offen. Eine wachsende Zahl vor allem Jüngerer weiß gar nicht mehr, was die hässlichen Gebäude an Staatsgrenzen bedeute(te)n. Nicht nur in Euroland zahlen die Menschen in einer Währung. Bald werden sie auch nur noch in Euro rechnen. Je jünger, desto sicherer können sich alle auf Englisch verständigen, egal wo sie zu Hause sind. Das alles ist so selbstverständlich, dass es niemand mehr bemerkt.

Von Zeit zu Zeit sollten wir uns aber bewusst machen, dass wir in Europa im Schlaraffenland leben. Ja, die kulturellen und sozialen Probleme im Gefolge der Globalisierung sind mir bekannt. Stellen wir uns vor, wie sie ohne die europäischen Veränderungen verliefen.

 

Lasst die Europäische Union einfach ein Jahrzehnt so unvollendet arbeiten, wie sie ist!

Dann schau’ ng mer mal. Und klären, wer Europa ist und was die EU.

 


MdE, Dr.phil. Fritz GoergenKöln. Historiker.

Chefredakteur Kommentare-Online,

Publizist und Kommunikationsstratege.

Leiter der "Denk-Schmiede Europa" der EG

 

 

 

 

 
     
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