ADENAUER UND DIE TÜRKEI

 

Bernt von zur Mühlen. Für den aktiven Katholiken Konrad Adenauer war es eine ausgewiesene Vision, dass die Türkei ein europäischer Partner sein müsse, dem man den Beitritt zur Gemeinschaft erleichtern sollte. Auch für den Kommissionspräsidenten Walter Hallstein war dies klar und in der Präambel des Assoziationsvertrags der damaligen EWG von 1963 versprach die Gemeinschaft den Beitritt der Türkei. Da bekanntlich das politische Gedächtnis kurz ist und die Definitionen eines vereinten Europas billig auf dem Basar der Meinungsmache gehandelt werden, kann der forsche Nicolas Sarkozy punkten, wenn er kategorisch in diesen Tagen ablehnt, den Beitritt der Türkei zukünftig zu unterstützen. Aber auch in Deutschland steht die Ablehnungsfront fest gefügt, zumal kluge Köpfe wie Altbundeskanzler Helmut Schmidt und der streitbare Denker Ralph Giordano reichlich Argumente auffahren. Die Tatsachen der türkischen Geschichte, der Kampf des Staatsgründers Atatürk für eine Trennung von Staat und Religion, die fundamentale Übernahme von deutschen Rechtsideen und pädagogischen Ideen, kurz alle Bemühungen der Türkei, wesentliche europäische Rechtsnormen zu übernehmen, werden vom Tisch gefegt mit Hinweisen auf die geopolitische Lage am Rande Asiens und dem Zweifel an der Rolle von Militär und Religion. In der effekthascherischen Berichterstattung über den G8-Gipfel, wo billige Bilder über Polizisten und Demonstranten alle Sachthemen zu Seite gefegt haben, können sich die wichtigen Fragen Europas, der Welt, zu denen die zukünftige Rolle von Russland und der Türkei tiefgreifend dazugehören, nicht mehr medial artikulieren, seit Vieles am Journalismus zu billigen Wasserträgern von unwichtigen Umständen geworden ist. Über Europa wichtigtuerisch reden, aber selbst den erklärenden Journalismus immer mehr über Bord werfen. Adenauer hat leider keinen Podcast hinterlassen.

Tagebuch Ausg.Nr.685 Medienbote 8.6.200


Bernt von zur Mühlen

arbeitet als Medienberater und Publizist in Luxemburg

bvzm@bvzm.net

 
     
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