DIE FREIHEIT DES BÜRGERS UND DIE ANGST VOR DEM UNBERECHENBAREN


Von MdE Mag. Ute Mayrhofer-Spannring. Seit drei Wochen gibt es in Salzburg eine unberechenbare Größe, die allerorten Angst verbreitet: die Masern.
Salzburg ist jetzt ein Epidemiegebiet – es sind nicht ganz 200 Menschen von ca 130.000 erkrankt.Die Masern sind eine  ansteckende Kinderkrankheit, die kompliziert verlaufen kann und das sicherlich bevorzugt, wenn man die Pubertät bereits hinter sich hat. Wie auch ich, haben aber die meisten meiner Zeitgenossen diese Krankheit in ihrer Kindheit unbeschadet überstanden.

In Salzburg und in der Folge in den öffentlichen Medien wie TV und Radio hat es wegen der  Masern eine Hexenjagd gegen die Waldorfschule im besonderen und Impfgegner im allgemeinen von einem Ausmaß gegeben, das mich erschüttert hat. Wie viele Menschen haben auch wir als Eltern uns gründliche Gedanken darüber gemacht, ob wir unsere Kinder gegen Kinderkrankheiten impfen oder nicht. Nach reiflicher Überlegung haben wir u.a. vor allem aus folgenden Gründen dagegen entschieden: Zu einen  sind wir der Ansicht, dass man sein Kind nicht gegen alles, was kompliziert, anstrengend und möglicherweise auch gefährlich ist, impfen lassen kann. (Ich würde sonst regelmäßig gegen Unfallgefahr auf Straße oder Schipiste impfen). Zum anderen glauben wir an ein Sinn erfülltes Leben, das uns Aufgaben und Herausforderungen stellt, an denen wir wachsen und uns entwickeln können und sollen. Kinderkrankheiten haben für Kinder in unserem Weltbild auf jeden Fall Platz. 

Ich unterrichte im Matura-Lehrgang der Rudolf Steiner Schule. Unsere Situation ist im Moment in der Tat schwierig, da von 24 Schülern acht erkrankt waren/sind. Diese jungen Erwachsenen haben wirklich eine harte Zeit durchgemacht und sind zum Großteil noch immer krank. Da in sechs Wochen die Maturaprüfungen beginnen, sind wir in dieser Klasse bei einem Hauptproblem dieser Krankheit angelangt: sie verursacht ein enormes Zeitproblem  und das ist neben der Anstrengung der Krankheit der Schrecken  aller berufstätigen Mütter/Väter und Schüler höherer Klassen.

In unserer erfolgsgewohnten und wirtschaftsorientierten Gesellschaft ist einfach keine Zeit zum Kranksein – mag die Krankheit nun ein wichtiger Entwicklungsschritt sein oder nicht. Diese Krankheit lässt sich nicht kalkulieren, berechnen, sie bringt die gewohnte Ordnung aus dem Gefüge. Unangenehm. Unerwünscht. Angst besetzt.  In diesem Sinne wird nicht dazu aufgerufen, Ruhe zu bewahren, Vertrauen zu entwickeln, dass die Krankheit zu bewältigen und unbeschadet zu überstehen ist, nein – die Angst wird geschürt und impfkritische Menschen in einem Ausmaß verteufelt, das wirklich erschreckend ist: von einem Verbrechen gegen die Kinder war die Rede und dass solchen Eltern die Kinder weggenommen werden müssten! In den Schulen werden Kinder, die noch nicht geimpft sind, ihrer Pflicht und ihres Rechtes, die Schule zu besuchen, enthoben: bei jedem neu auftretenden Masernfall müssen sie zwei Wochen zu Hause bleiben. Das könne sich das ganze Schuljahr durchziehen und einen positiven Abschluss verhindern.

Nicht ganz nachvollziehbar bei einer Durchimpfungsrate der Bevölkerung von 90%.- Eigentlich können sich da ja sowieso nur die verbleibenden 10 % anstecken? – und die wissen um ihr Risiko und würden dann etwa drei Wochen fehlen. – Eine besondere Vorsichtsmaßnahme ist an der Steiner Schule im Moment sicherlich nachvollziehbar, weil wirklich viele Schüler erkrankt sind. –Solche Maßnahmen aber in Schulen durchzuführen, in denen  ein! Masernfall aufgetreten ist und eine sehr hohe Durchimpfungsrate vorhanden ist, ist einfach übertrieben.Unsere Tochter fühlte sich diskriminiert – zuerst musste sie sich schräg anreden lassen, weil sie nicht geimpft war, dann wurde das Schulbesuchsverbot ausgesprochen und am Nachmittag wurde geimpft. – Wer will sein Kind unverdientem Stress aussetzen und sich von ihm Vorwürfe machen lassen! Unsere Tochter ist über vierzehn. Ich bin ganz froh, dass sie geimpft ist. Ich bin nicht wild auf Masern. Aber die Art und Weise, wie Amt und Medien mit jemandem umgehen, der sich Alternativen überlegt, bleibt überaus bedenkenswert. Ich hätte die Entscheidung für die Impfung lieber selbst getroffen anstatt sie verordnet zu bekommen. Impfkritische Menschen sind keine Ungeheuer und auch keine „Bio-Terroristen (!)“. Sie machen sich Gedanken. Sich in dieser Situation impfen zu lassen, um andere (und damit auch sich selbst) zu schützen, kann ein solcher Gedanke sein. Den traut man allerdings jemandem, den man vorher kriminalisiert und diskriminiert hat, nicht zu.

Ein Freund teilte uns eine Beobachtung mit, er sagte: Früher war erlaubt, was nicht verboten war. Heute ist verboten, was nicht erlaubt ist. Ein feiner kleiner Unterschied! Der Richtungsanzeiger  weist  allerdings nicht auf „Demokratie“. Erkranken Sie nicht an Masern! Im gegebenen Moment könnte Ihr Leumund darunter leiden. – Es sei denn Sie könnten nachweisen, dass Sie schon zwei mal geimpft - und trotzdem erkrankt sind. 

 
     
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