"KATZLMACHER"


Von Hermann Stützer. Auf die Frage, was ist eine Landschaft, fiele einem vielleicht eine dumme Antwort ein. Bei genauerem Hinsehen ist das eine intelligente Frage. Stellt man sich etwa eine Wiese vor, so besteht sie nicht nur aus Gras, sondern beginnt durch ihre inneren und äußeren Begrenzungen erst zur Wiese zu werden. Durch Unterbrechungen gewissermaßen, durch ihre Ränder, den Bewuchs usw. Insoweit kann sie Weide sein, Streuwiese, Hochalm, vielleicht auch nur Parkanlage oder Golfplatz. Grenzen sind es, die ihr Konturen verschaffen, sie bestimmen die Identität. Sie machen mehr daraus als einen Verein von Grashalmen. Da ist vielleicht noch ein Bachlauf, ein Uferbewuchs, ein paar Wildhecken, ein Weidezaun und der Viehunterstand. Hinzu kommt der umgebende Waldrand und Berge im Hintergrund. Sie formulieren noch größere Konturen, Kulisse. Landschaft entsteht. Im Konzert so verstandener Grenzen werden sogar Maulwurfshügel und Kuhfladen typisierend. Wo? Bei uns in Mitteleuropa etwa. In Abu Dhabi oder in der Namibischen Wüste sieht das dann anders aus. Und dennoch, hier wie dort gibt es gleichwertige Unverwechselbarkeiten, signifikante Identitäten, welche jede Landschaft für einen Betrachter typisch machen. Die Rede ist von Kulturalität. Fremd gewordene Begriffe wie „Heimat“ bestimmen sich danach. Und Betrachtungen dieser Art kann man auf allen Ebenen anstellen.


Lernen kann man daraus, dass das vielgestaltige Phänomen „Grenze“ eine wichtige Größe ist. Längst werden ihre raumstrukturierenden und identitätsstiftenden Funktionen von der Wissenschaft untersucht. Anglistik, Archäologie, Geographie, Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte und Slavistik erforschen ihre Thesen, um im Umgang mit den geographischen, politischen, wirtschaftlichen, sprachlichen, religiösen und kulturellen Grenzen auch interdisziplinär zu Ergebnissen zu kommen. Ohne Grenze keine Kontur, ohne Kontur keine Identität.

Grenzen werden in unserer Gartenzaunmentalität meist als politisch-geographische Abgrenzung verstanden. Damit tut man ihnen Unrecht, denn gerade sie fungieren als wertvolle „Kommunikationsprovokatoren“. Jede Grenze ist zugleich Anreiz für ihre Überschreitung. Der Mensch möchte dahinter Liegendes entdecken, damit in Verbindung treten. Das galt seit jeher für fremde Länder, Völker und Kulturen. Das gilt in der Wirtschaft, Wissenschaft, Technik und Philosophie. Es gibt also eine Art menschlichen Urtrieb für Grenzüberschreitung. Auch Philosophen und religiöse Dogmatiker beschreiben das nicht mehr rational Erfahrbare, aber noch erspürbare Naheverhältnis aller Grenzbereiche als „Transzendenz“ (lat. das Überschreitende).

Der menschliche Kommunikationsdrang beschreibt wohl auch unsere Fähigkeit zu Sozialität und Kulturalität schlechthin. Er ist zudem allgegenwärtiger Beginn und Motor von Kultur überhaupt, dem Ergebnis aller sozialen Existenz. Und man kann Kommunikation auch niemals ausschließen („Man kann nicht nicht kommunizieren“ Niklas Luhmann Zit.).

Was aber ist Europa - eigentlich? Die Friedensvision der Gründerväter des Projekts ist durch politische Grenzen nicht eindeutig beschreibbar, auch nicht geographisch. Europa ist eine Halbinsel, die nur „zu einem Kontinent hochgestapelt“ wurde (Ilja Trojanow, Zit.). Natürliche Grenzen im weiten Osten gibt es keine. Und im Inneren besteht es zudem nur „aus kleinen Ländern, die sich ihrer Unwichtigkeit bewusst sind und kleinen Ländern, die es nicht sind“ (Jaques Delors, sinngem.). Mit einem kulturellen Ansatz der Betrachtung kommt man da schon sehr viel weiter.

Wenn wir für ein so zu beschreibendes Europa eine stabile Zukunft organisieren wollen, ist es falsch, seine Grenzen abzubauen. Man muss sie durchlässig und überschreitbar machen, das ja. Aber man darf sie nicht abschaffen. Es würde auch nicht gelingen. Kulturelle Grenzen scheren sich nicht um politische. Ein theoretisch anzunehmendes Europa ohne seine inneren Grenzen wäre das Gegenteil seiner selbst. Seine kulturelle Vielfalt bekäme keine Chance, europäische Identität zu sein. Stichworte wie „Multikulti“ und Ghettobildungen beschreiben, wovon die Rede ist. Wir werden etwa aus einem kulturell sozialisierten Flamen keinen Sizilianer machen und aus einem Basken keinen Niederbayer. Ebenso wenig können wir die kulturellen Unterschiede von Großstädtern und Landbevölkerung nivellieren. Wir würden es nicht einmal schaffen, den Österreicher zu identifizieren. Denn der ist zum Beispiel Land-Salzburger, als solcher möchte er sich tunlichst unterscheiden vom Stadt-Salzburger. Er ist vielleicht Pinzgauer und nicht Tennengauer, versteht sich also „innergebirg“. Und dann legt er noch Wert darauf, dass er aus Mittersill ist und damit ein Oberpinzgauer und eben kein Saalfeldener usw. Europäer aber sind sie alle. Wie der Schotte und der Serbe auch. Wie kann das zusammengehen? Die Antwort liegt bereits in der Frage: es „geht“ von selber oder es „geht“ nicht. Es vollziehen sich soziokulturelle Prozesse oder eben nicht. Abläufe entscheiden über Ergebnisse.

Wir müssen ein neues, entkrampftes und ein allen gemeinsames Verhältnis finden zu Begriffen wie Grenze, Kontur, Regionalität, Identität und Kultur. Dann entdecken wir Kerne europäischer Identität, viele Grundwerte, nach denen wir seit Urzeiten leben etwa - meist ohne uns ihrer bewusst zu sein. Dann bekommen wir ein Gefühl für die Ebenen von Integrationskraft mit realistischen Perspektiven und Grenzen. Und dann wird klarer, was eigentlich gemeint ist, wenn wir von „Vielfalt“ reden, einem Begriff, den in Europa jedermann im Munde führt und unter dem jeder dann doch Grundverschiedenes versteht - wenn er ihn denn überhaupt jemals hinterfragt hat.

Am Ende sollten wir fragen, ob wir uns nicht allesamt besser verstünden, wenn wir uns einem modernen umfassenden Kulturbegriff neu annähern, der bezogen auf die historischen Gemeinsamkeiten unserer Völker und der christlichen Grundwerteskala seine unverwechselbar europäische Tradition hätte. Er würde einen neuen Blick aller Betroffenen auf die kulturell-europäischen Entwicklungschancen schärfen. Und in einem natürlichen Consensus Omnium wäre es egal, ob der Mensch auf der Seite der Gestalter steht oder der Regierten. Ein paar Politiker würde es ja vielleicht auch wieder geben, die vermitteln könnten, was sie denn tun und warum sie es tun.

Der Ansatz bedeutet in Konsequenz die Notwenigkeit einer kulturellen Abschätzung aller Gestaltungsmaßnahmen für Europa. Er birgt am Ende für Große und Kleine nahezu gleiche Chancen, ihre Wertigkeiten eifersuchtslos auch als „gleich“ zu erleben. Das Nationalstaatsdenken würde auch emotional überwindbar! Diese Überwindung stellt die größte Herausforderung für ein Gelingen des Projekts: Europa dar.

Im Mittelpunkt muss das kulturelle „Ich“ der Regionen und ihrer Menschen stehen. Jeder muss bleiben können, wer er ist und was er ist und erst danach wird er auch werden können, was er möglicherweise sein möchte. Gelingt ein emotionaler Wandel nicht, werden Volksbefragungen zu Europa unkalkulierbar bleiben. Ablehnungsvoten geschehen nicht, weil man mit dem Objekt der Abstimmung nicht einverstanden wäre – zumeist hat niemand wirklich eine Ahnung von den Inhalten – sondern sie passieren, weil man fürchtet, was man nicht kennt. Weil man ablehnt, wofür man ein positives Gefühl nicht entwickeln konnte. Das Entstehen eines vereinigten Hauses Europa ist ein kulturelles und damit ein zutiefst emotionales Vorhaben. Politik und Wirtschaft sind nur Werkzeuge für seinen Rohbau.

Das politische Gebilde besteht zwar aus der Summe und dem Gewicht seiner Teile. Aber die Vision Europa ist mehr, viel mehr als die EU. Und die Kleinen tun sich mit Kommunikationsprozessen leichter als die Großen. Ihre kulturellen Identitäten sind präsenter in der regionalen Kleinheit. Die so betrachtet nur vermeintlich „Großen“ bestehen auch aus Kleinen. Deutschland etwa aus seinen Ländern, die kulturell in sich wiederum deklinierbar sind und verschieden. Aber wer weiß: die Zeit der nationalen „Großen“ in der EU ist ja vielleicht auch schon vorbei.

Ohne ein gemeinsam-europäisches Kulturverständnis auf Grundlage der wertvollen Vielfalt seiner Teile wird es für Europa am Ende keine echte Vereinigung geben. Damit gäbe es auch nicht die Friedensperspektive der Gründervision. Die Perspektive neu anzureichern lautet die Aufgabe. Dabei sind alle Grenzen ein stetig verbindendes Element. Daran ist nichts Widersprüchliches. Sie beschreiben die Konturen von Einheit in Verschiedenheit. Diese Konturen sind es, die Vielfalt und damit die Chance auf dauerhaften Frieden in Europa im Ergebnis garantieren. Und wer wollte bestreiten, dass der Frieden das wertvollste Produkt jeder Kultur ist? Ebenso wie die Voraussetzung für ihr Entstehen?

In meiner Kindheit gab es im Deutschland des beginnenden Wirtschaftswunders zu wenig arbeitsfähige Männer. Die ersten nicht-deutschen Arbeiter wurden ins Land geholt. Sie kamen aus uns unbekannten Ländern wie dem fernen Griechenland oder Süditalien, aus den aller ärmsten Gegenden zumeist. Sie bauten Autobahnen und Eisenbahnstrecken, Abwasserkanäle und Stollen. Sie hausten in Waggons und fahrbaren Wägen, die ungefähr aussahen wie Schäferkarren: Baustellen-Ghettos könnte man sagen. Man erfand ein schönes Wort: „Gastarbeiter“ nannte man sie. Als ihre Anzahl zunahm und ihre als andersartig empfundene Kultur sichtbar wurde, begann das unversehens zu stören. Abgrenzungsreflexe entstanden, verdeckte Animositäten gärten und schließlich brachen offene Feindseligkeiten aus: Das schöne Wort mutierte zum üblen Schimpfwort: „Gastarbeiter“.

Die Männer aus Italien waren an den Stammtischen die „Itaker“, „Spaghettifresser“ und „Katzlmacher“, eine Wortschöpfung, die den als italotypisch empfundenen Kinderreichtum auf besonders geschmacklose Weise verhöhnte.

Das geschah inmitten der 60er Jahre. Fünfzig Jahre danach gibt es ganz andere Attribute: Italienischen Lebensstil, italienische Küche, italienische Lokale, Espresso- und Pizzakultur, italienische Popmusik, die Welt-Modezentren, italienische Fußball-kultur, Ferrari, die Formel 1, italienisches Produkt-Design. Die klassische italienische Gesangskultur, die italienische Oper - Verdi, Puccini, Donizetti. Die Mailänder Scala . Überhaupt könnte man sagen: die italienische Kultur hat über lange Perioden hinweg etwas formuliert wie Maßstäbe für ein europäisches Lebensgefühl schlechthin. Die Politik kann bestenfalls Bedingungen formulieren, Gleiches schafft sie nicht. Es ist die Kultur, die am Ende das unmanipulierbare Ergebnis von Nachhaltigkeit schafft. Es sind die Kulturprozesse, welche die stärksten Kräfte in sich bergen und sie für bleibend belastbare Veränderungen freisetzen. Auf diese Weise wird Europa durch seine Kulturkraft definierbar und damit auch integrativ gestaltbar.

In der Münchner Altstadt befindet sich zwischen Marienplatz und dem Bayerischen Landtag ein nobles und teueres Restaurant, eine Art „Edelitaliener“, in dem sich Abgeordnete, Geschäftsleute, Diplomaten treffen.

Es heißt: „Katzlmacher“.

 
     
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